Appetit auf frische Kirschen

Peter Glaser wirft einen Blick auf die ägyptische Kommunikationsgeschichte – von den Brieftauben, über das Telefon bis zum Internet. Rückblickend, so der Schriftsteller, stellten die Kommunikationsbedürfnisse am Nil immerzu eine große Herausforderung dar.

Als ein Sultan im mittelalterlichen Kairo einmal Appetit auf frische Kirschen bekam, die in Ägypten aber nicht zu haben waren, schickte sein Wesir 600 Brieftauben von Damaskus nach Kairo. Jede Taube hatte ein Beutelchen mit einer Kirsche an den Fuß gebunden.

Heute bedrohen vor allem SMS, Twitter, Blogs & Co das alte Regime – nicht allein durch ihr Potential, Massen zu mobilisieren. Die Ironie der Geschichte besteht gerade darin, dass der Versuch, die neuen Kommunikationsmittel auszuschalten, die jüngsten Proteste erst richtig anheizten:

Die Totalblockade des Internet in Ägypten hat das Gegenteil dessen bewirkt, was das Regime beabsichtigt hat. 20 Millionen User hatten zu Hause nichts mehr zu tun, kein Netz – also gingen sie auf die Straße.

Lesenswert!

„Taz“: 6x so viele e-Paper-Abos wie „Die Welt“

Interessant der Vergleich der aktuellen Verkaufszahlen der elektronischen Ausgaben zwischen Springer und der tageszeitung.

„Aktuelle Zahlen der IVW zeigten vergangene Woche, wie schwach sich die ePaper-Ausgaben von Bild, Welt, BamS & Co. derzeit verkaufen. Alle Springer-Zeitungen und -Zeitschriften verfügen als ePaper demnach nur über dreistellige Abonnentenzahlen. […]

2721 Leser haben die taz als ePaper abonniert, wie die Zeitung auf Anfrage von MEEDIA mitteilte. Im hauseigenen taz-Blog gibt man sich ruhmesreich und spekuliert darüber, woran es liegen könnte, dass die eigene Zeitung über so viel mehr ePaper-Abonnenten verfügt.

Neben allen journalistischen Gründen mag dies auch daran liegen, dass „die digitale Ausgabe schon zwischen 21 Uhr und 22 Uhr erscheint“, so mutmaßt die taz.

Bemerkenswert scheint mir aber zudem:

„Bei der taz erscheint dagegen jede Ausgabe als Mobi, als ePub (ohne Digital Right Management), als PDF, als HTML sowie in der reinen Textversion als TXT – damit kann man die taz auf iPhone und iPad problemlos lesen.“

Offene Formate werfen also mehr ab als das geschlossene Wunder-Pad?

Auf dem Weg zum Dauerwerbe-Internet

Traditionell hat YouTube zu Jahresbeginn einen Rückblick auf die erfolgreichsten „YouTube ads of 2010“ veröffentlicht. An der Spitze steht – wenig überraschend – das Old-Spice-Video „The Man Your Man Could Smell Like“. Derartige Werbevideos gehören heute zum Internet wie das „www“. Welche Folgen aber hat das Virale Marketing für die „digitale Öffentlichkeit“ und die Kommunikation im Internet?

In den „klassischen“ Printmedien ist Werbung für den Verbraucher in der Regel klar als solche erkennbar. Das Label „Anzeige“ trennt – bei funktionierender Selbstkontrolle unabhängiger Medien – den käuflichen vom unverkäuflichen Teil der Druckseiten. Daraus folgt auch, dass Schleichwerbung hierzulande grundsätzlich unzulässig ist.

Das kommerzielle Werben in die Privatsphäre hinein ist zudem noch weitaus strenger reglementiert. Beispielsweise ist Telefonwerbung, die ohne vorheriges Einverständnis des Verbrauchers erfolgt, seit Mitte 2009 strikt untersagt, um die Belästigung durch Anrufe von Call-Centern zu unterbinden. Bei einem Verstoß droht den Unternehmen eine Geldbuße bis zu 50.000 Euro.

Wie aber sieht es im Internet aus? Hier hat sich der kommerzielle Kundenfang in eine nur schwer zu kontrollierende Plage entwickelt. Der allgegenwärtigen Reklame müssen sich die Nutzer zudem mit eigenen Mitteln erwehren – gleich ob sie privat oder öffentlich kommunizieren: Adblocker unterdrücken aufdringliche Werbebanner und hinterhältige Layer Ads; Spamfilter verbannen einen Großteil „sex-ueller Akt*i-vitaeten“ aus der privaten Inbox.

Vor einer bestimmten Art der Werbung können sich die Nutzer allerdings nur schwerlich schützen: viralen Werbevideos. Im Gegenteil wirken jene an der Verbreitung dieser zumeist unterhaltsamen Filmchen aktiv mit. „Auf dem Weg zum Dauerwerbe-Internet“ weiterlesen

Kulturflatrate: Der neue Sozialvertrag

Im vergangenen Jahrzehnt hat in der Musikindustrie eine stille Revolution stattgefunden: Durch das Internet hat sich die Technik des Kopierens verbreitet und – in ihrem Fahrwasser – eine globale Tauschgesellschaft herausgebildet, in der täglich mehrere hunderttausend Musik- und Filmdateien kostenlos über Tauschbörsen getauscht werden. Tauschbörsen ermöglichen die direkte Übertragung von Dateien zwischen Endnutzern (Peer-to-Peer, P2P). Diese verfolgen mit dem sogenannten Filesharing in der Regel keine kommerziellen Interessen. In den Augen der Nutzer ist das Filesharing vielmehr heute das, was noch vor wenigen Jahren die selbst bespielte Musikkassette war – nur in weit größeren Maßstäben. „Kulturflatrate: Der neue Sozialvertrag“ weiterlesen

Wikileaks: Macht und Verantwortung

Wikileaks definiert sich als „Open-Source-Nachrichtendienst“. Der Ausdruck „Wiki“ ist dabei an die Mitmach-Enzyklopädie Wikipedia angelehnt; der Begriff „Leak“ bezeichnet im Englischen eine undichte Stelle. Der Name ist Programm: Jeder kann Wikileaks geheime Informationen übergeben. Dabei garantiert die Organisation seinen Informanten vollkommene Anonymität. Nicht einmal die Projektverantwortlichen erfahren – dank aufwendiger Verschlüsselungsvorkehrungen – deren Identität.
„Wikileaks: Macht und Verantwortung“ weiterlesen