Sozialarbeiter Broder

Wer hätte das geahnt: In Henryk M. Broder, Deutschlands bekanntestem Antisemitismus-Erschnüffler, steckt nach schmerzlicher Selbsterkenntnis nichts anderes als ein „kleiner Sozialarbeiter, der eine Seele retten will“. Und ausgerechnet Jakob Augstein sollte es sein, der diese Wandlung zum Wahren, Guten und Schönen herbeiführte.

Doch immer der Reihe nach: Noch im September letzten Jahres hatte Broder den Herausgeber der Wochenzeitung „der Freitag“ als „Salon-Antisemiten“ beschimpft. Als dieser sich davon gänzlich unbeeindruckt zeigte, legte der brodelnde Broder kräftig nach: Augstein sei „ein lupenreiner Antisemit, eine antisemitische Dreckschleuder […], der kleine Streicher von nebenan.“

Doch selbst diese infame Provokation – Julius Streicher war während der Nazizeit immerhin Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“ und wurde nach Ende des Krieges für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt – beschwieg Jakob Augstein ungerührt. „Sozialarbeiter Broder“ weiterlesen

Die Rückkehr des Journalismus

Mit der Zeitungskrise scheint die Erkenntnis einher zu gehen, dass man mit Journalismus kein Geld mehr verdienen kann. Schon seit langem befindet sich die verkaufte Gesamtauflage bundesdeutscher Tageszeitungen im Sinkflug. Es bedarf daher keiner hellseherischen Fähigkeiten, um vorherzusagen, dass in den kommenden Monaten weitere Tageszeitungen ihren Vertrieb einstellen werden.

Dass journalistische Angebote jedoch auch erfolgreich sein können – zumal im Internet –, zeigt ein Blick auf die renommierte „New York Times“. Sie hat bereits 2011 ein Bezahlmodell für ihr digitales Angebot eingeführt. Nur ein Jahr danach verkauft die NYT bereits durchschnittlich mehr digitale als gedruckte Ausgaben. Haben wir es also möglicherweise gar nicht in erster Linie mit einer Krise der Zeitungen, sondern vielmehr mit einer Krise des Journalismus zu tun? Was aber bedeutet dies für die Verlage?

Die Ursachen für ihre Misere sehen die Medienhäuser zumeist im Wandel der Werbeindustrie und der „Gratismentalität“ der Internetnutzer. Tatsächlich geht das derzeitige Zeitungssterben aber auch und nicht zuletzt auf gravierende verlegerische Fehlentscheidungen der letzten Jahre zurück – allen voran auf eine rigide Sparpolitik. „Die Rückkehr des Journalismus“ weiterlesen

Piraten auf Schlingerkurs

Vor wenig mehr als einem Jahr ging ein politisches Beben durch die Republik: Quasi aus dem Nichts heraus enterte die Piratenpartei erst das Berliner Abgeordnetenhaus, dann – innerhalb weniger Monate – die Landtage im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen. Zwischenzeitlich lagen die Piraten in bundesweiten Umfragen bei über 13 Prozent und damit noch vor den Grünen.

Die selbst ernannte „digitale Volkspartei“ trat mit dem Versprechen an, die eingefahrene Parteiendemokratie mit einer transparenten und basisdemokratischen Mitmach-Politik zu erneuern. Von der anfänglichen Aufbruchstimmung ist jedoch kaum etwas geblieben: Momentan bieten die Piraten vielmehr das Bild einer zutiefst zerstrittenen Partei. Statt politischer Interessenkonflikte dominieren Beleidigungen, Eitelkeiten und Missgunst – beispielsweise im Streit um das jüngste Buch von Julia Schramm oder die Einkommensverhältnisse des ehrenamtlich tätigen politischen Geschäftsführers Johannes Ponader.[1] „Piraten auf Schlingerkurs“ weiterlesen

»Taa-taa, ta ta ta taaa«

Wie schnell auch hierzulande der Volkszorn hochkochen kann, demonstrierte jüngst eine kurze Meldung in der „Bild“-Zeitung: Demnach plant die ARD die Erkennungsmelodie, die seit 1956 die „Tagesschau“ einleitet, zu „entsorgen“ und durch eine neue zu ersetzen. Knapp 70 Prozent der Befragten sprachen sich daraufhin in einer Umfrage entschieden für den Erhalt der Tonfolge aus.

Seitdem bemüht sich die Vorsitzende der ARD, Monika Piel, die Wogen zu glätten. Das altbekannte »Taa-taa, ta ta ta taa« bliebe erhalten, versicherte sie auf einer hastig einberufenen Pressekonferenz. „Wir wären ja verrückt, wenn wir das ändern würden“, so Piel weiter, „wir haben hier schließlich eine Marke, die jeder kennt.“ „»Taa-taa, ta ta ta taaa«“ weiterlesen

Facebook: Cash mit dem Crash

Die Medien sind sich einig: Das Börsendebüt von Facebook geriet zum Fiasko. Nur mit Mühe konnte sich der Preis der Facebook-Aktie am ersten Handelstag, dem 18. Mai d.J., über dem Ausgabekurs von 38 US-Dollar halten. Bereits am Tag darauf verzeichnete das Papier ein Minus von 11 Prozent. Mitte Juni sank der Preis dann sogar auf rund 29 US-Dollar, was einen Verlust von knapp 24 Prozent bedeutet.

Doch der Schein trügt. Denn zumindest aus Sicht von Facebook lief alles weitgehend nach Plan. Ein Börsengang (Initial Public Offering, kurz IPO) dient schließlich dazu, einem Unternehmen durch den Verkauf von verbrieften Geschäftsanteilen Kapital zuzuführen. Facebook hat diese Gelegenheit „glänzend“ genutzt, indem es gezielt überhöhte Gewinnerwartungen schuf, die dem Konzern lukrative Gewinne garantierten. Der Zeitpunkt des Börsengangs war obendrein klug gewählt. Denn die Unternehmensführung weiß, dass das Geschäftsmodell von Facebook derzeit an seine Grenzen stößt. „Facebook: Cash mit dem Crash“ weiterlesen

Randale um die Sandale

Man sollte meinen, die Journalisten dieses Landes hätten sich längst an den Anblick der Piraten gewöhnt. Doch weit gefehlt: Ein Auftritt ihres neuen politischen Geschäftsführers, Johannes Ponader, in der Talkshow von Günther Jauch genügte, um die „bürgerlichen Medien“ auf die Barrikaden zu treiben. Stein des Anstoßes waren dabei nicht die politischen Aussagen Ponaders, sondern dessen Schuhwerk. „Randale um die Sandale“ weiterlesen

re:publica 2012: Was ist Internetfreiheit?

Breitband² von der re:publica 2012, 4. Mai 2012: Philip Banse im Gespräch mit Neelie Kroes (Vizepräsidentin der europäischen Kommission und EU-Kommissarin für die Digitale Agenda), Dr. Matthias Bärwolff (Informatiker, Berater und wissenschaftlicher Mitarbeiter der TU-Berlin), Julia Seeliger (Journalistin und Bloggerin) und mir.

Weitere Informationen bei Deutschlandradio Kultur und dctp.tv.

Die digitale Gestapo

Vor wenigen Wochen wurde die elfjährige Lena in einem Emder Parkhaus vergewaltigt und ermordet. Im Zuge der polizeilichen Ermittlungen kam es nicht nur zu zahlreichen Pannen. Auch Lynchaufrufe aus dem Internet sorgten bundesweit für Aufsehen. Welche Verantwortung trägt die “Netzgemeinde” an solchen Vorfällen?

Der Druck auf die Ermittlungsbehörden war hoch. Alle Beteiligten wollten den Mörder der kleinen Lena so rasch wie möglich dingfest machen. In rasender Geschwindigkeit verbreitete sich daher die Nachricht von der Festnahme eines 17-jährigen Tatverdächtigen – auch im Internet. Die Wut kochte hoch, Mitglieder des sozialen Netzwerks Facebook veröffentlichten die Adresse des jungen Mannes, und es kam zu Lynchaufrufen.

Eine Facebook-Gruppe rief sogar dazu auf, das Emder Polizeikommissariat zu stürmen. In der darauf folgenden Nacht versammelten sich rund 50 Menschen vor dem Gebäude und forderten die Polizei lautstark auf, ihnen den Verdächtigen auszuhändigen.

Der Festgenommene bestritt seine Tat. Tatsächlich wurde er nach wenigen Tagen wieder aus der Untersuchungshaft entlassen. Kurz darauf nahm die Polizei einen weiteren Verdächtigten fest. Der 18-jährige Mann gestand innerhalb weniger Stunden den Mord an dem Mädchen. „Die digitale Gestapo“ weiterlesen

Das Wettrüsten im Internet

Der Datenverkehr im Internet überwindet scheinbar mühelos alle Grenzen. In Sekundenbruchteilen rasen Informationen von einem ans andere Ende der Welt. Die zunehmende Vernetzung führt jedoch auch Risiken mit sich. Lange Zeit warnten Experten vor allem vor Computerviren oder Betrugsversuchen im Netz. Nun weisen sie auf eine neue, weitaus größere Gefahr hin: Sogenannte Kritische Infrastrukturen gerieten zunehmend ins Visier von professionellen Hackern. Ein Cyberangriff könnte die Energieversorgung, das Finanzwesen oder gar militärische Einrichtungen eines Landes treffen – mit dramatischen Folgen für die Bevölkerung.

Richard Clarke, ehemaliger Bundeskoordinator für nationale Sicherheit unter den US-Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush, beschreibt in seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Buch „World Wide War“ die Folgen eines „Digital Pearl Harbour“, eines überraschenden Cyberangriffs auf die USA: Nachdem es Hackern gelungen ist, die Server amerikanischer Energieunternehmen unter ihre Kontrolle zu bringen, lösen sie einen landesweiten Stromausfall aus. Raffinerien gehen daraufhin in Flammen auf und Giftgaswolken treiben auf Ballungsräume zu. Die Verkehrs- und Kommunikationssysteme erleiden einen Totalausfall, infolge dessen kollabiert das Finanzsystem. Schließlich werden die Lebensmittel knapp, Polizei und Notdienste verlieren die Kontrolle über das wachsende Chaos, Tausende Menschen sterben.

Im Cyberwar muss aus Sicht von Sicherheitsexperten somit kein einziger Schuss fallen, um eine Supermacht wie die USA in die Knie zu zwingen. Doch ist dieses Szenario realistisch? Was ist tatsächlich dran am sogenannten Cyberwar?

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Die neuen Warhols

Andy Warhol hat einst die Kunstwelt revolutioniert: Neben seinen Suppendosen und vielfarbigen Konterfeis waren es vor allem seine „Death and Disaster Paintings“, die ihn in den 60er Jahren weltberühmt machten.

Als Vorlagen für seine Werkreihen „Car Crash“, „Suicide“ und „Electric Chairs“
dienten Warhol auch Pressefotos, die er immer wieder verfremdete, so dass die einstige Bedeutung des Bildes hinter den zahllosen Vervielfältigungen zurücktrat. Bei all seiner schillernden Exzentrik war Warhol vom Tod fasziniert – insbesondere wenn er zur Sensationsmeldung wurde. Seine Werke legen daher auch die morbide Seite des „American Way of Life“ offen.

Rund 50 Jahre nach Warhols Durchbruch zeigt sich: Sein künstlerisches Wirken strahlt bis in das „Copy-Paste-Zeitalter“ aus – und wird im Internet massenhaft imitiert. Als jüngstes Motiv dient der digitalen Pop-Art-Welle eine vom Weißen Haus veröffentlichte Momentaufnahme aus dem „Situation Room“, die Anfang Mai auf sämtlichen Titelseiten abgedruckt war. Sie zeigt, wie die politische Machtelite der USA in einer Videokonferenz gebannt die Tötung Osama Bin Ladens verfolgt. Die Spannung in dem Raum ist förmlich mit Händen zu greifen: Der fokussierte Blick des US-Präsidenten Obama sei „wie ein Laser“ gewesen, unterstrich die „New York Times“.

Allein Hillary Clinton scheint in jenem Moment von der Anspannung schier überwältigt: Die Augen weit aufgerissen, hält sich die Außenministerin erschrocken eine Hand vor den Mund. Eilig erklärte Clinton ihren Kontrollverlust wahlweise mit einem plötzlichen Gähnen oder einer Frühjahrsallergie.

Doch es half nichts. Prompt wurde der ehemaligen Präsidentschaftskandidatin Führungsschwäche unterstellt – nicht zuletzt, weil sie es war, die im Wahlkampf 2008 die außenpolitischen Qualitäten ihres Konkurrenten Obama vehement angezweifelt hatte.

Bevor die Ausdeutungen über die Schrecksekunde jedoch richtig an Fahrt gewinnen konnten, sprangen der Politikerin im Internet unerwartet zahlreiche Warhols zur Seite – und verarbeiteten das Pressefoto kurzerhand zu Netzkunst. „Die neuen Warhols“ weiterlesen