Die digitale Gestapo

Vor wenigen Wochen wurde die elfjährige Lena in einem Emder Parkhaus vergewaltigt und ermordet. Im Zuge der polizeilichen Ermittlungen kam es nicht nur zu zahlreichen Pannen. Auch Lynchaufrufe aus dem Internet sorgten bundesweit für Aufsehen. Welche Verantwortung trägt die “Netzgemeinde” an solchen Vorfällen?

Der Druck auf die Ermittlungsbehörden war hoch. Alle Beteiligten wollten den Mörder der kleinen Lena so rasch wie möglich dingfest machen. In rasender Geschwindigkeit verbreitete sich daher die Nachricht von der Festnahme eines 17-jährigen Tatverdächtigen – auch im Internet. Die Wut kochte hoch, Mitglieder des sozialen Netzwerks Facebook veröffentlichten die Adresse des jungen Mannes, und es kam zu Lynchaufrufen.

Eine Facebook-Gruppe rief sogar dazu auf, das Emder Polizeikommissariat zu stürmen. In der darauf folgenden Nacht versammelten sich rund 50 Menschen vor dem Gebäude und forderten die Polizei lautstark auf, ihnen den Verdächtigen auszuhändigen.

Der Festgenommene bestritt seine Tat. Tatsächlich wurde er nach wenigen Tagen wieder aus der Untersuchungshaft entlassen. Kurz darauf nahm die Polizei einen weiteren Verdächtigten fest. Der 18-jährige Mann gestand innerhalb weniger Stunden den Mord an dem Mädchen.

“Wie im Wilden Westen”

In Emden sitzt der Schock über den Lynchmob tief. Am vergangenen Freitag versammelten sich rund 2500 Menschen zu einer Solidaritätskundgebung auf dem Emder Rathausplatz. Sie wollten ein “Zeichen gegen Selbstjustiz und Vorverurteilung” setzen.

Der Kriminologe Christian Pfeiffer macht die Emder Polizei für die aufgeheizte Stimmung mitverantwortlich: „Es war ein Fehler, den Tatverdächtigen sensationsheischend mit Handschellen abzuführen und so zu tun, als habe man den Täter.“ Der Verdächtige hätte stattdessen unauffällig festgenommen werden können.

Die Gewerkschaft der Polizei rechtfertigt das Vorgehen der Ermittler und verurteilt stattdessen die “Wild-West-Methoden” einiger “sozialer Netzwerker”. “Wer hinter den Lynchaufrufen steckt, muss die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen”, so der GdP-Bundesvorsitzende Bernhard Witthaut.

Witthaut sprach sich dafür aus, ein Exempel zu statuieren. Nach Paragraph 111 StGB ist die “Öffentliche Aufforderung zu Straftaten” verboten. Bereits Anfang April hat die Polizei die Wohnung des ebenfalls 18jährigen Facebook-Nutzers durchsucht und seinen Computer beschlagnahmt.

Die deutlichsten Worte fand jedoch Kurt Kister, Chefredakteur der “Süddeutschen Zeitung”. In der “besonderen Form der Öffentlichkeit über Facebook, Twitter und andere” verbreitete die “Digital-Gestapo […] Namen und Anschrift des Festgenommenen und lud Fotos jenes Hauses hoch, in dem der junge Mann wohnte. Man war sich nicht ganz einig, ob er erschossen werden sollte, aufgehängt oder kastriert. Aber, und fast denkt man da an das Transparenzgebot der Piratenpartei, immerhin debattierten die virtuellen Totschläger öffentlich.” Deshalb, so Kister weiter, müsse man über “Regeln und Regelungen für jene Fälle [nachdenken], in denen die maßlose, meist anonyme Denunziation im Netz verletzt oder gar tötet.”

Wer ist diese “Netzgemeinde”?

Der Journalist Kurt Kister nimmt auf diese Weise die digitale Öffentlichkeit für die Hetze einiger Facebook-Nutzer in Sippenhaft. Deren Aktionen werden obendrein mit den Instrumenten eines faschistischen Polizeistaats gleichgesetzt.
Nur zur Erinnerung: Die Gestapo war eine Polizeibehörde, die als Teil des NS-Machtapparats mit brutalen Methoden politische Gegner verfolgte. Wenn Kister mit solchen Analogien die “Verleumdungen und Hassparolen” im Internet kritisiert, fallen seine polemischen Vorwürfe vor allem auf ihn selbst zurück.

Nichtsdestotrotz bleibt die sachliche Frage, welche Verantwortung die “Netzgemeinde” trägt, wenn Facebook-Nutzer Verdächtige an den öffentlichen Pranger stellen.

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die knapp 850 Millionen Nutzer bei Facebook weder anonym noch in einem rechtsfreien Raum kommunizieren. Damit soll nicht bestritten werden, dass Internetnutzer immer wieder auch den Schutz eines Pseudonyms nutzen, um aus der Deckung heraus andere verbal anzugreifen. Anonym sind aber auch diese Nutzer nicht. Im Gegenteil: Selbst wenn sie nicht unter ihrem echten Namen bei Facebook registriert sind, lässt sich ihre Identität anhand des digitalen Freundeskreises oder der IP-Nummer feststellen. (Daher nutzt die Polizei Facebook längst auch als Ermittlungs- und Fahndungsinstrument.)

Hinzu kommt, dass knapp drei Viertel aller Deutschen im Netz unterwegs sind, in Zahlen: 51,7 Millionen Menschen. Knapp die Hälfte von ihnen ist bei Facebook angemeldet. Der gemeinsame Gebrauch eines Mediums macht aus den Nutzern aber noch lange keine Gemeinschaft, geschweige denn eine „Gemeinde“. Vielmehr unterscheiden sich die Internetnutzer grundlegend in ihren moralischen Ansichten und politischen Überzeugungen – selbst in netzpolitischer Hinsicht. Entsprechend abwegig erscheint der Gedanke, die Internetnutzer für die populistische Hetze einiger weniger Facebook-Nutzer verantwortlich machen zu wollen.

Die neue Verantwortung im Netz

Tatsächlich spiegeln sich im Netz die gesellschaftlichen Strukturen der analogen Welt wider, wenn auch unter anderen Voraussetzungen. Zwei fundamentale Unterschiede zwischen analoger und digitaler Kommunikation gibt es: eine zunehmende Verantwortung jedes Einzelnen sowie die Möglichkeit der Selbstkorrektur digitaler Diskurse.

Zum einen müssen die Nutzer auch im Internet Verantwortung für die Folgen ihrer Handlungen übernehmen. Diese Verantwortung fällt inzwischen für jeden Einzelnen jedoch weit größer aus als noch vor wenigen Jahren – auch, weil wir heute mehr öffentlich kommunizieren. Entscheidend ist aber, dass digitale Informationen innerhalb von Sekunden viele Millionen Menschen erreichen können.

Das Absenden oder Weiterleiten einer Nachricht kann daher erhebliche, nicht intendierte Folgen für den Absender selbst, vor allem aber für Dritte haben. Das betrifft Beleidigungen, politische Einschätzungen sowie jede andere Form von Verleumdungen, insbesondere Mobbing. Hier stecken wir ohne Zweifel noch inmitten eines langen, umfassenden kulturellen Lernprozesses.

Zum zweiten kann der Diskurs im Netz Irrtümern wie auch gezielten Provokationen schneller und direkter begegnen. Denn gerade die von Kister gescholtene Kommunikationstransparenz erlaubt es anderen Teilnehmer, verletzende oder falsche Aussagen unmittelbar zu beeinflussen und zu korrigieren. (Die Pseudonymität kann in diesem Zusammenhang nicht nur zu unfairen Schmähungen genutzt werden. Sie kann auch dazu dienen, den Gegenüber allein durch das bessere Argument zu überzeugen – unabhängig des eigenen Geschlechts, des Alters oder der Hautfarbe.)

Die Methoden der Printmedien

Im Bereich der klassischen Medien sind Ansätze der medialen Selbstkorrektur weitaus weniger erfolgreich. Welche Ausmaße das Geschäft mit reißerischen Schlagzeilen annehmen kann, wurde besonders im vergangen Jahr in Großbritannien deutlich. Rupert Murdoch sah sich gezwungen, sein Skandalblatt “News of the World” dicht zu machen, nachdem das Ausmaß des Abhörskandals durch die Redaktion zutage getreten war. Dieser Schritt erfolgte allerdings weniger aus moralischer Einsicht, sondern weil der Medienmogul die politischen und wirtschaftlichen Folgen der Untersuchungen fürchtete.

Hierzulande sieht es nicht viel besser aus. Wiederholt stieß die Kritik des Deutschen Presserats am menschenfeindlichen Journalismus der “Bild”-Zeitung auf taube Ohren. Ebenfalls im letzten Sommer rügte der Rat den Springer Verlag wegen des Verstoßes gegen das Vorverurteilungsgebot im Pressekodex. Die “Bild”-Zeitung hatte das Foto und biographische Details eines mutmaßlichen Kindesentführers abgebildet. Der Verlag wies die Kritik scharf zurück und rief – nicht zum ersten Mal – seine Leserschaft dazu auf, sich in großer Zahl telefonisch beim Presserat zu beschweren.

Aber es gibt auch Lichtblicke: Sogenannte Watchblogs wie der Bildblog machen deutlich, dass die digitale Öffentlichkeit auch zum Korrektiv der Printmedien geworden ist. Ob sich Journalisten allerdings immer von den Interventionen aus dem Netz beeindrucken lassen, ist fraglich. Kurt Kister jedenfalls hat sich zu den Online-Kommentaren unter seinem Artikel bislang nicht geäußert. Einen Facebook- bzw. Twitter-Account scheint der Journalist ebenfalls nicht zu besitzen. Ein wenig mehr Transparenz und Offenheit könnten hier nicht schaden.

Der Artikel ist auch auf carta.info veröffentlicht.

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