Jürgen Habermas zum 80.: Die Rückkehr der Öffentlichkeiten

Medien übernehmen in modernen Demokratien lebenswichtige Aufgaben: Sie bilden, so Habermas, „das relativ […] dichte […] Netz öffentlicher Kommunikation“ und wirken als Antriebsmotor der Deliberation, also des öffentlich ausgetragenen Streitgesprächs der Bürger untereinander.

Allerdings sind die traditionellen Verlagshäuser in den letzten Jahren in den Blick von Finanzinvestoren geraten, die diese – über die ohnehin bestehende wirtschaftliche Konkurrenz hinaus – endgültig zu Objekten kurzfristiger Renditebegehren machen. Diese Entwicklung trifft, so befürchtet Habermas, „die politische Öffentlichkeit im Mark“, wenn der notwendige Meinungsstreit in einem demokratischen Rechtsstaat als Folge des reinen Profitstrebens erheblich eingeschränkt wird.

Jürgen Habermas‘ Sorge „um die Zukunft der seriösen Zeitung“  wie auch seine Vorschläge nach einer Subventionierung von Medienunternehmen fanden vor gut zwei Jahren großen Widerhall. Dass der Philosoph derart hohe Erwartungen in die sogenannte Qualitätspresse setzt, erklärt sich dabei nicht zuletzt mit Blick auf die Anfänge seines wissenschaftlichen Wirkens.

Der Strukturwandel der Öffentlichkeit

Bereits 1962 beschrieb Habermas den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ und untersuchte, wie sich in Frankreich, England und Deutschlands seit dem späten 18. Jahrhundert eine „bürgerliche Öffentlichkeit“ herausbildete. Eine ihrer „vorzüglichsten Institutionen“ bildete damals das Zeitungswesen. Von Anfang an förderten die Medien die deliberativen Auseinandersetzungen der Privatleute untereinander und trugen so erheblich dazu bei, dass „demokratische Verfahren auf lange Sicht mehr oder weniger vernünftige Ergebnisse“ erlangen konnten.

Habermas bestimmt vor diesem Hintergrund einen „Idealtypus“ bürgerlicher Öffentlichkeit. Dieser muss vorrangig drei Bedingungen erfüllen: Der Zugang zum öffentlichen Gespräch muss zum einen für alle gesellschaftlichen Gruppen offenstehen, in den herrschaftsfreien Diskursen gilt zum zweiten allein der zwanglose Zwang des besseren Arguments und der Meinungsaustausch der Bürger untereinander soll drittens auf die politischen Entscheidungsträger Einfluss nehmen können.

Die frühbürgerliche Öffentlichkeit näherte sich diesem Idealtypus – soweit dies überhaupt möglich ist – nur kurz an. Im Gegenteil: Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts setzte ein Strukturwandel ein, da der öffentlich-mediale Austausch zunehmend durch Parteien und Interessengruppen inszeniert und manipuliert wurde.

Habermas’ Resümee am Ende des „Strukturwandels der Öffentlichkeit“ ist überaus ernüchternd: In modernen Demokratien findet eine rationale Auseinandersetzung zwischen den Bürgern kaum noch statt. Stattdessen verkünden die Massenmedien in einer „vermachteten Arena“ nur noch die institutionell gefällten Entscheidungen der am politischen Machtvollzug und Machtausgleich beteiligten Gruppen. Im Ergebnis stehen sich die informellen Meinungen der Privatleute und die formellen Verlautbarungen der publizistisch wirksamen Institutionen unvermittelt gegenüber.

Die neuen Öffentlichkeiten

Mit dem jüngsten Ausverkauf der Zeitungshäuser spitzen sich der von Habermas beschriebene Strukturwandel und der Abbau „kritischer Publizität“ in den letzten Jahren noch einmal zu. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Kommerzialisierung und inhaltlichen Verflachung der Printmedien werden wir darüber hinaus Zeuge eines tiefgreifenden medialen Umbruchs – und damit auch eines erneuten revolutionären Strukturwandels der Öffentlichkeit. Denn die eigentlich spannende Frage lautet derzeit, ob die aktuellen Umwälzungen Ansätze bieten, um sich den idealen Ausgangsbedingungen einer bürgerlichen Öffentlichkeit erneut anzunähern.

Auch wenn die wirtschaftlichen wie auch sicherheitspolitischen Interessen im Netz bisweilen erdrückend erscheinen und der Zugang längst nicht allen verfügbar ist: Im Internet sind in kürzester Zeit bereits multiple öffentliche Sphären entstanden, in denen Menschen miteinander kooperieren, diskutieren und Informationen austauschen. Auf den ersten Blick scheinen diese Räume sogar grundlegende Anforderungen einer deliberativen Theorie zu erfüllen. Mehr noch: Sie könnten Modell stehen für neuartige Formen „bürgerlicher Öffentlichkeit“.

Gerade dieser Hoffnung gegenüber zeigt sich Habermas jedoch bislang skeptisch: Zwar erweitere das Netz die Kommunikationszusammenhänge und übe damit eine „subversive Wirkung auf autoritäre Öffentlichkeitsregime“ aus. Allerdings fehle es aufgrund der „horizontale[n] und entformalisierte[n] Vernetzung“ an redaktionellen Filtern und damit einer Errungenschaft der traditionellen öffentlichen Sphäre.

Habermas kritische (und von Vielen durchaus geteilte) Einschätzung beruht auf der Prämisse, dass die Öffentlichkeit nicht funktionieren kann, wenn alle vermeintlich durcheinander und über alles zugleich reden. Damit aber entgeht Habermas eine entscheidende Entwicklung: Denn die neuen mannigfaltigen Öffentlichkeiten im Internet werden durchaus – wenn auch in Teilen gänzlich anders – kontrolliert, als wir es von den traditionellen Gatekeepern gewohnt sind.

So haben unter anderem Wikis, Open-Source-Kooperationen und Blogs dazu beigetragen, „gleichsam aus der Mitte der Privatsphäre heraus ein relativ dichtes Netz öffentlicher Kommunikation“ entstehen zu lassen. Jede dieser unterschiedlichen Online-Medien stellt auf unterschiedliche Weise öffentliche Kommunikationsräume her. Dabei verständigen sich die Internetnutzer selbst auf die Organisation von Informationen oder übernehmen gleich selbst die Funktion der Gatekeeper.

Wikis, Open-Source-Software und Blogs

Beispielsweise ist Wikipedia.org vor allem deshalb so erfolgreich, weil zahlreiche Menschen auf „demokratische“ Weise an dem Online-Lexikon mitwirken. Alle Teilnehmer können sich an den Diskussionen und Entscheidungen über sämtliche inhaltliche Änderungen beteiligen. Letztendlich hat sich gezeigt, dass auf diese Weise erstaunliche Resultate erzielt werden können, die denen traditioneller Redaktionen sogar weit überlegen sein können.

Bei der Erstellung von Open-Source-Software kooperieren ebenfalls zahlreiche Menschen miteinander – zum Teil sogar mit beachtlichem ökonomischem Erfolg. Die Teilnehmer an gemeinsamen Projekten sind dabei jedoch oft in einen Kern (Entscheider) und Peripherien (bspw. Tester) unterteilt. Entscheidend ist, dass sich die Teilnehmer in Open-Source-Projekten – im Gegensatz zu offenen Wikis – durchaus für die Einrichtung von Ebenen und Filter entscheiden, um komplexe Projekte rasch und effizient zu verwirklichen. Dabei erhalten die Teilnehmer unterschiedliche Rollen und Funktionen, um gemeinsam komplexe Aufgaben möglichst effizient zu bewältigen.

Blogs hingegen ermöglichen aufgrund ihrer Offenheit und Flexibilität die Diskussion wie auch den freien Austausch von Perspektiven und Meinungen. Durch die Möglichkeit, Blogeinträge auf einfache Weise zu publizieren, zu verlinken und zu kommentieren, entstehen riesige, weitgehend selbstkontrollierte Diskursräume und virtuelle „Marktplätze der Ideen“. Auch der Micro-Blogging-Dienst Twitter erfährt – nicht zuletzt in diesen Tagen wegen der Proteste im Iran – aufgrund seiner neuartigen, offenen Kommunikationsmöglichkeiten in Echtzeit große Aufmerksamkeit.

Die Ausbildung dieser unterschiedlichen Organisationsformen deliberativer Räume beschleunigt nicht nur den gegenwärtigen Medienwandel. Sie gibt zudem Hoffnung auf neue Möglichkeiten rationaler Diskussionen in einer von den Bürgern selbst kontrollierten Öffentlichkeit.

Zwar fordert das Internet seinen Nutzern ohne Frage auch das zum Teil mühsame Erlernen neuer medialer Kompetenzen ab. Langfristig aber könnte die gegenwärtige Entwicklung dazu führen, dass sich – unter gänzlich anderen Bedingungen als noch vor gut zweihundert Jahren – spontane und nichtfremdgesteuerte Kommunikationsströme herausbilden, und die gesellschaftlichen Diskurse so wieder durchlässig für „frei flottierende“ Werte, Ansichten und Argumente werden – und es bleiben.

Eine Grundskepsis bleibt allerdings fortwährend bestehen: Jede demokratische Öffentlichkeit ist darauf angewiesen, dass der Zugang zur ihr offen steht und allein der zwanglose Zwang des besseren Arguments regiert. Hier aber ist Habermas uneingeschränkt beizupflichten: Auch im Internet ist die rationale Deliberation durch die Kommerzialisierung und damit eine – wie Habermas es nennt – Kolonialisierung der Lebenswelt zunehmend in Frage gestellt.

Ursprünglich veröffentlicht auf www.carta.info


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